“Arm aber sexy” – so charakterisierte der regierende (Kultur-)Bürgermeister Wowereit seine chronisch klamme Stadt. Und was macht Berlin sexy, wenn nicht seine kulturelle Fülle und Vielseitigkeit? Dieser Tage gilt leider, was Manuel Brug in der Welt ironisch auf den Punkt bringt: “Weniger Musik in Berlin”.
Am Freitag letzter Woche sickerte durch, dass Deutschlandradio-Intendant Steul eine Fusion von Rundfunk-Sinfonieorchester und Deutsches Symphonieorchester Berlin bis 2011 anstrebt. Dies erstaunt umso mehr, als es sich hier um zwei international renommierte und künstlerisch denkbar unterschiedliche Klangkörper handelt, die nun unter dem konservativen RSB-Chefdirigenten Marek Janowski zu einem neuen Superorchester zusammengeführt werden sollen.
Der Zeitpunkt ist strategisch gut gewählt, das DSO bietet eine ideale Angriffsfläche, nachdem sein Chef Ingo Metzmacher nach zähen (und wohl nicht ganz fairen) Verhandlungen seinen Vertrag nicht verlängert hatte. Ein Affront ist der Vorstoß auch für die nach der Wende geschaffene roc (Rundfunkorchester und -chöre GmbH), die zwei Orchester und zwei Chöre aus ost und west unter einem Dach vereint und den Erhalt derselben zur Aufgabe hat.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die beiden Mehrheitsgesellschafter Deutschlandradio und Bund mit ihren Fusionsplänen ernst machen und ob die Musikstadt Berlin “sexy” bleibt.
Mit Unterzeichnung einer Petition kann man seine Solidarität mit dem DSO bekunden.
Während manche noch grübeln, ob sie ihre Stellen im Print oder online veröffentlichen, geht VioWorld einen Schritt weiter und bringt seinen gesamten Stellenmarkt – also nahezu alle Jobs und Praktika aus der Kulturbranche – ins Twitterverse.
Unter @kulturjobs findet man täglich aktuelle Job-Tweets vom Tutti-Geiger bis zum Marketing-Leiter. Diese werden zusätzlich über #jobs von der Suchmaschine Jobtweet ausgelesen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein großer Bedarf vorhanden ist: Jeder einzelne Job wird täglich 200-300 mal angeklickt, das macht bereits mehrere tausend Klicks in wenigen Tagen.
Schneller und einfacher war die Jobsuche nie.
Hier mein Vorschlag für das Wort des Jahres: “Bratwurstjournalismus”. Die geniale Wortschöpfung stammt von News-Blogger Hardy Prothmann, der diesen Begriff zur Umschreibung des lokaljournalistischen Standardjargons erfand und ausgerechnet auf einer Veranstaltung des DJV in die Öffentlichkeit entließ.
Wie lieben sie alle, Phrasen wie “für das Leibliche Wohl war gesorgt”, oder “der Wettergott war gnädig”. Darauf wollen wir uns doch erstmal einen “kühlen Gerstensaft schmecken lassen”!
Wie aber steht es um den Bratwurstjournalismus im Kulturbereich? Konzertkritiken bieten hier eine wahre Fundgrube. Da wimmelt es von “Tastenlöwen” und “Pultstars”, denen das Orchester “mit glühender entschlossenheit folgt”. Ein “Dirigat” kann “beseelt” oder “analytisch” daherkommen, und nimmt es ein “Maestro” mit letzterem zu genau, dann “führt er das Seziermesser im Gewande”. Spätestens, wenn die “neugierige Trockenheit” einer Interpretation beschworen wird, ahnt der Leser, dass sich über Bratwürste einfacher schreiben lässt, als über Musik.
Ich freue mich über weitere Bratwurst-Phrasen – vielleicht wird mal ein kleines Lexikon draus…